Informationsgehalt? Kann man – muss man aber nicht …

Stellen Sie sich vor, Sie seien Redakteur. Hunderte Meldungen prasseln jeden Tag auf Sie ein. Sie ‘scannen’ also die Headlines. Da triggert Sie tatsächlich ein Schlagwort. Ab und an fangen Sie dann sogar an den Text anzulesen 

– und dann treffen sie auf das hier:

Presseportal

 

Die News ist … fünf Zeilen … irgendwas mit “erstklassig” am Ende?

Vor lauter drumherum, fällt der Redakteur spontan in Tiefschlaf. Es gibt wohl irgendwo irgendwas, das der PM-Schreiber als “erstklassig” bezeichnen würde. Viel Prosa ohne Information in einem Kettensatz mit sieben Kommas (zumindest im ersten Teil). Und wenn der Journalist dann tatsächlich bis zu “erstklassig” vorgedrungen sein sollte … dann ist die Zeit, die er investiert auch schon lange verstrichen. Die [ENTF]-Taste ist dann der einzig wahre Freund. Schade. Die News ist verloren.

Was tun, was nicht?

  1. In die Überschrift gehört die Leistung. Die Unternehmensnamen wirklich nur, wenn alleine das Unternehmen den Redakteur aufhorchen lassen würde.
  2. Das Wichtige (die Leistung) gehört ganz an den Anfang. Da zählt jedes Wort! Kein Redakteur wird sich lange in eine Meldung einlesen. Steht es nicht in den ersten zwei Zeilen … ist es weg, verloren und unnütze Arbeit.
  3. Bitte keine Kettensätze. Schon gar nicht, wenn sie im Nirwana enden. Mehr als drei Kommas in einem Satz sind ein eindeutiger Warnhinweis.

 

“Kuck mal da – ein lieber Journalist. Magst Du ihn mal streicheln?”

Ich wurde vor ein paar Wochen etwa 1 – 3 Mal am Tag danach gefragt, ob ich nicht ein “Interview” mit eher unbekannten C-Levels, Sales-Menschen und Marketing-Managern halten möchte. Gern auch als Gesprächsangebot eingetütet und dann später von PR-Seite zum Interview hochgestuft …

Doch: Was will man ein Unternehmen fragen, dass nie wirklich auffällt? Man soll zu seinem Produkt fragen. Zur Erfolgs-Geschichte. Zu den einzigartigen Alleinstellungsmerkmalen. Stichwortgeber sein.

Der Journalist wird dazu mit liebevollen Worten zum Unternehmen geführt, der Interview-Partner erhält sanfte Verhaltensregeln und der Journalist bekommt dann das sorgsam vorbereitete PR-Futter gereicht.

Dafür habe ich jetzt einen Begriff gefunden: “Streichelzoo-Journalismus🙂

Da kann man sich direkt vorstellen, wie die PR-Agentur zum Unternehmens-Kunden sagt:

Kuck mal da – ein lieber Journalist. Magst Du ihn mal streicheln? Der beißt auch bestimmt nicht.” 🤣

Neiiiin … ich will nicht gestreichelt werden. Wirklich nicht. Das ödet Leser an. Bitte keine Anfragen nach Interviews. BITTE! Das hat in den letzten Monaten echt Ausmaße angenommen. Nur weil ich üblicherweise lieb bin und fast nie beiße, heißt das nicht, dass ich jetzt Freiwild bin.

Was tun, was nicht?

1. Wenn Ihr Kunde etwas zu sagen hat, dann sagen sie es in einer Pressemitteilung. Sollte es da einen interessanten Ansatz für ein Gespräch/Interview geben, meldet sich der Redakteur sicher. Das ist sein Job.

2. Um hier eine Lanze für die gute, alte Produktmeldung zu brechen: Verkaufen Sie bitte nicht Produktmeldungen als Interview. Eine Produktmeldung ist etwas Gutes. Es ist (auf PR-Art) ehrlich, klar und jeder weiß, wer der Absender ist. Es ist in jedem Fall besser als ein Streichelzoo-Interview.

PR-Profis fragen? Ach was – wir sind doch hip!

FinTechs auf Wachstumskurs! Ich kenne keine Branche, in der sonst wirklich begabte Menschen glauben, PR-Profis seien überflüssig. Der Grund: Sie sind überzeugt, ihr FinTech ist hip und die Redaktion wird das schon erkennen.
Tipp: NÖ. Aber man kann sich perfekt blamieren! 😀

Twitter

Dabei kommen dann Aktionen wie diese (rechts im Bild, Direktnachricht auf Twitter) heraus. Das passiert gar nicht selten. So signalisiert diese Direktnachricht eine ganze Reihe von Dingen:

  1. Zielgruppe? Egal, wir kommunizieren unser B2C-Produkt an eine B2B-Redaktion. Klappt garantiert!
  2. Wir duzen. Ist uns doch egal, wie das sonst so bei Redaktionen üblich ist.
  3. Und wie der richtige Name der Redaktion ist … völlig überbewertet! Ansprechpartner? Egal.
  4. Redaktionen sind wie Influencer – haben Communities. Und: Redakteure lieben “Zusammenarbeit” …
  5. Was unser Unternehmen macht? Der Redakteur hat Zeit und wird sich selber informieren.
  6. Ich bin ein innovativer Marketing-PRO! Vorgeschlagene Kommunikationswege sind für Loser. Ich bekomme auf meine Art mehr Aufmerksamkeit! Antwort: *stimmt* … auf #PRausderHölle 😀

Was tun, was nicht?

  1. Impressum lesen – und nachsehen, wer der richtige Ansprechpartner ist. Ist keiner genannt, dann zurückhaltend beim Chefredakteur nachfragen.
  2. Again: Nicht ungefragt duzen.
  3. Ist man nicht selbst ausgebildeter PR-Profi, dann unbedingt vorher zumindest mal mit einer professionellen PR-Agentur sprechen. Ein erstes Gespräch und ein paar Tipps sind üblicherweise Gold wert, denn es gibt keine zweite Chance.

 

Ein unwiderstehliches Angebot!

Manchmal bekommt man als Redaktion ziemlich eindeutige Angebote …

werde Teil unseres Netzwerkes!
Wir haben Dich als einen unserer wenigen creditshelf Influencer ausgewählt, so dass Du neben unserem Support Dich auch selbst als Marke aufbauen, und gleichzeitig Zugang zu unserem Netzwerk gewinnen kannst!
Man hat den ganzen Tag genug um die Ohren, deshalb würden wir Dir den Content direkt aufbereitet zukommen lassen, so dass Du ihn einfach per Klick teilen kannst! Ganz getreu dem Motto „Einfach. Schnell. Innovativ“ !
Anbei findest Du unsere heutige Pressemitteilung, quasi als “Test”.
– Wenn man es einmal versucht hat, hat man den Dreh direkt raus ???? –
Du hast noch Fragen? Fragen beantworte ich Dir immer gern, meld Dich einfach und gib uns Feedback, ob Du an einer Zusammenarbeit mit uns interessiert bist!
creditshelf freut sich auf Deinen Support!”

*verschluck*hust* … und nebenbei hat man als Antwort-Adresse noch die E-Mail-Adresse einer lieben Journalisten-Kollegin angegeben. Ob das ein gezieltes Attentat auf die Kollegin ist?

Also ich weiß gar nicht mehr, wie ich DAS NOCH kommentieren soll. NEIN, das ist kein Fake. Versprochen! Ich kann dazu auch weiter nichts sagen außer: AUUUA!

Was tun, was nicht?

1.) Redaktionen sind keine Werbeplattformen, keine Influencer, keine Content-Schleudern. Sowas bitte gar nicht erst versuchen!
2.) Nicht Duzen. Niemals!

“Schatz, Du hast wie immer Recht.”

Anfang März 2020 bekam ich eine PM, deren Einleitung lautet:

viele Unternehmen und auch die Startup-Welt reden derzeit über Corona. Wir tun das bewusst nicht, wollen aber dennoch ein Lebenszeichen geben. Anbei die Stellungnahme von Christian W#### zur Verortung von Insurtechs in Zeiten von Corona.”

???? ähm ja, in Abwandlung eines Spruches … “Widersprich niemals einem PR’ler. Warte, bis er es selber tut.” ????

Übrigens, ähnlich unpassend geht es weiter:

Ich kann da auch mal eine etwas krasse Analogie bedienen: Corona kennt keine Grenzen, ähnlich verhält es sich mit Technologie, aber im positiven Sinn. Stärker als je zuvor gibt es jetzt die Möglichkeit, ein wirklich globales Unternehmen im Versicherungsbereich aufzubauen, bei dem der Vertrieb zu 100% digital stattfindet. Wir haben eine Plattform gebaut, um genau das zu erreichen.”

… ähm, ja, echt? Technologie ist wie das Corona-Virus? Im Wettbewerb um die schlechtesten Analogien ist dieses InsurTech auf jeden Fall GANZ VORNE DABEI!

Was tun, was nicht?

1.) Widersprechen Sie sich bitte in Ihrer PM nicht selbst.
2.) Vergleiche und Analogien hinken. Immer.

Oh – ein Gesprächsangebot …

Eine höchst gekonnte Nachfrage (immer wieder beliebt):

Liebe Redaktion,

ich hoffe, es geht euch gut! Ich wollte einmal nachfragen, ob ihr schon eine Rückmeldung bezüglich des Gesprächsangebots mit ##########, Co-CEO und Co-Founder bei #####, für mich habt. Ich würde mich über eine kurze Rückmeldung freuen – gerne können wir euch auch weitere Infos zu #### und dem Thema digitale Buchhaltung für KMUs zur Verfügung stellen.

Meldet euch bei Rückfragen gerne bei uns.”

Oh, ein Gesprächsangebot. Wie außergewöhnlich *hust*

Also, dann:

a.) Nein, es läuft nicht gut: Wir haben, wie die ganze Branche, durch Corona fiese Umsatzeinbußen und schwierigere Arbeitsbedingungen.
b.) Nein, ich will nicht ungefragt geduzt werden. Das ist anbiedernd.
c.) Nein, das Produkt interessiert unsere Zielgruppe nicht. Welches Magazin welche Zielgruppe hat, weiß eine professionelle Agentur.
d.) Nein, Nachfragen bei einer Std.-PR-Aussendung macht keinen Sinn (… oder war das die Strafarbeit für den Praktikanten?).
e.) Nein, wenn ich Rückfragen hätte, würde ich mich melden. Wenn ich mich nicht melde, heißt das (Vorsicht Überraschung!!): Ich habe _keine_ Rückfragen.

… Ups … [ENTF]

Was tun, was nicht?

1.) Nicht ungefragt Duzen
2.) Keine Nachfragen, außer man hat wirklich was besonderes, das nur bei dieser Redaktion Sinn macht. Unbedingt die Zielgruppe genau beachten!
3.) Gesprächsangebote sein lassen. Ein Redakteur meldet sich schon, wenn er ein Interview führen möchte. Dann macht es auch Sinn. Der Rest ist “Streichelzoo-Journalismus”. Dazu später …

[Anmerkung am Rande: Irgendwann im Herbst 2019 muss ein findiger PR-Berater festgestellt haben, das es total toll, günstig und hervorragend mit dem Kunden abrechenbar ist, Redakteuren Interviews anzubieten. Seitdem hat die Anzahl der Interview-Angebote/Woche inflationär zugenommen.]

Bitte nachfragen, drängeln und nochmal drauf hinweisen …

Hallo Joachim,

ich schreibe dir, weil ich mich nach dem “Anlagerendite-Index für Privatvermietungen” erkundigen wollte, den ich dir bereits per Mail geschickt habe. Hattest du schon die Gelegenheit es dir anzuschauen? Die Studie gibt einen tiefen Einblick darüber, wo die Menschen am meisten Geld machen können, wenn sie ihr Eigentum vermieten. Ich denke, das Thema könnte sich gut für IT Finanzmagazin eignen.

Den Link zur Studie findest du hier: https://www.sharea[irgendwas].de/anlagerendite-index/[[mit Tracking-Link !!]

Lass mich wissen, wenn du Fragen zum Thema hast.

Viele Grüße
Press Relations Manager
*******@xyz-demo.agency”

Quelle: koldunovaaa/bigstock.de

Journalisten und Redakteure langweilen sich … nicht 🙂 Das sie nicht auf  PR-Mails reagieren, liegt in der Regel daran, dass sie enorm viele nicht relevante E-Mails bekommen (in meinem Fall rund 6.000 Mails/Monat – ohne SPAMs – und ich bin sicher eher unterversorgt). Da muss Unpassendes und Langweiliges unter den Tisch fallen. Das ist nicht böse gemeint. Nur leider notwendig.

Bei Redakteuren super beliebt (*zyn*): Aufdringliches Nachfassen bei Meldungen, die eh nicht zum Magazin passen. Noch besser: Nur zwei Stunden danach per Telefon! (Ja, das gibt es! Echt!)

Übrigens: Der Rekord lag bei zwei Nachfragen per E-Mail plus ein Telefonanruf … der Beitrag wäre aber auch dann nicht ins Magazin gekommen, wenn er gepasst hätte.

In diesem Fall (oben) kommt dazu: Nachfassen ohne die Zielgruppe des Magazins zu kennen! Auch toll: Ungefragtes Duzen und anbiedern. Doch dazu später – da gibt es einen ganz wunderbaren PR-Stunt …

Die [ENTF]-Taste lächelte mich bei diese E-Mail gnädig an und erlaubte mir in stoischer Ruhe zu verweilen …

Was tun, was nicht?

1. Nachfragen ist o.k. wenn eine Meldung speziell für ein Magazin geschrieben wurde und man den Verdacht hat, der Redakteur könnte die E-Mail nicht bekommen haben.
2. Nachfragen im Zweifel sein lassen.
3. Nur “Duzen”, wenn man tatsächlich per Du ist. Nicht anbiedern.
4. Keine Tracking-Links in Pressemitteilungen.

Wundervoll üppige Superlative

Journalisten lieben endlos üppige Superlative. Ein besonders schönes Exemplar war folgende Einleitung einer Pressemitteilung:

Der Service sorgt durch flexible Anpassungen der Front- und Back-Office-Systeme bei ######## für ein modernstes Kundenerlebnis und höchste Effizienz. Somit kann dem bedürfnis der Banken nach schneller, effektiver Reaktion auf Marktanforderungen optimal entsprochen werden. Primäres Ziel ist es dabei, dem Karteninhaber eine Vielzahl an Mehrwertdiensten bieten zu können.”
Vor lauter Nervosität zuckte mein Finger und erwischte leider die [ENTF]-Taste … ????️ … upss.
Wenn man jetzt mal vom Spaß-Faktor absieht – solche Texte entstehen, wenn (meist) amerikanische Unternehmen PR-Agenturen in Europa zwingen, ihre Texte zu übernehmen. Die Folge sind wirklich fürchterliche Meldungen, die furchtbar schnell im Redakteurs-Papierkorb landen. Das zu lesen, tut sich wirklich niemand an. Schade um die Übersetzungsarbeit (sofern es nicht einfach nur der Google-Übersetzer ertragen musste … dazu später noch ein paar wunderschöne Beispiele 🙂 ).

Was tun, was nicht?

1. Positiv hervorheben – ja. Superlative – nein.
2. Glaubwürdig und authentisch sein.
3. Nicht übertreiben, überhöhen – sondern Fakten sprechen lassen.
4. Niemals PR-Meldungen aus dem angelsächsischen Raum 1:1-übersetzen!